»Am Pult fühle ich mich frei«: Lea Ray über ihren Weg als Dirigentin
Längst geben auch Dirigentinnen den Takt an, die 29-jährige Lea Ray aus Laupheim ist das beste Beispiel. Als einzige Deutsche nimmt sie am renommierten Wettbewerb »La Maestra« in Paris teil.
Langsam kommt doch eine gewisse Nervosität auf. Andererseits darf es jetzt auch endlich losgehen, findet Lea Ray. Seit Monaten schon bereitet sie sich auf den Wettbewerb »La Maestra« vor, wälzt Partituren von Mozart bis Ravel, um vom 23. Februar an zu zeigen, was sie drauf hat. In Paris treten sechzehn junge Dirigentinnen von über 200 Bewerberinnen aus der ganzen Welt an – und die 29-jährige Musikerin aus Laupheim ist die einzige Deutsche. Wer dabei sein will: Arte überträgt die Konzerte von Anfang an. Wir haben mit Lea Ray gesprochen.
Frau Ray, Sie sind kaum ans Telefon zu bekommen.
Lea Ray: Ja, ich hatte viele Engagements zugesagt, als ich noch gar nicht wusste, dass ich zum Wettbewerb nach Paris fahre. Aber man muss als Dirigentin auch etwas aushalten, dieses Hin und Her zwischen verschiedenen Konzerten gehört dazu.
Man steht auch immer vorn an exponierter Position. Sind Sie ein Alphatier?
Das ist so ein Wort! Man muss schon den Ton angeben wollen, sonst kann man den Beruf nicht machen. Ich bin ganz froh, dass sich das Bild mittlerweile doch sehr geändert hat. Die großen, fast diktatorisch auftretenden Dirigenten wie Herbert von Karajan oder Sergiu Celibidache gibt es eigentlich nicht mehr. Heute muss man überzeugen, aber klar, über einen Einsatz kann man nicht abstimmen, und eine Interpretation ist auch nicht über Diskussionen zu finden.
Aber Sie sind offen und hören zu?
Das ist sogar sehr wichtig, es geht schließlich um ein Miteinander. Das war schon in der Generation vor mir nicht mehr dieses »Von oben herab«-Bestimmen. Eine Partitur lässt Spielraum, da gibt es nicht nur eine Lesart. Aber wenn ich vors Orchester trete, muss ich eine klare Vorstellung vom Stück haben.
Wann haben Sie denn gemerkt, dass Sie lieber vor dem Orchester stehen, als mittendrin zu spielen?
Das war ein vielschichtiger Prozess. Es gibt ja Leute, die wissen mit acht Jahren, dass sie unbedingt dirigieren wollen, aber das kann ich von mir nicht behaupten. Man hat als Dirigentin kaum Vorbilder, vielleicht ist es deshalb für viele Mädchen gar nicht so selbstverständlich, in diese Richtung zu denken. Ich wollte erst Lehrerin werden, habe auch Schulmusik studiert.
Sie könnten als Musiklehrerin an eine Schule?
Ja. Allerdings bekam ich an der Hochschule in Stuttgart schon viel Dirigierunterricht, das betraf sowohl Chor- als auch Orchesterleitung. Dazu habe ich jede Woche mehrere Stunden im Orchester gespielt und dadurch viel Literatur kennengelernt. Irgendwann kam dann der Gedanke, dass es doch spannend sein könnte, selbst zu gestalten, nicht nur an meinem Instrument, der Querflöte, sondern mit einem ganzen Klangkörper.
Für viele ist das erst einmal Stress.
Interessanterweise habe ich mich am Pult immer besonders frei gefühlt, von Anfang an. Also dachte ich, das probierst du jetzt, sonst ärgerst du dich ein Leben lang, wenn du’s nicht wenigstens versucht hast.
Die Ausbildung von Dirigenten hat sich sehr verändert. Früher haben alle bei Hans Swarovski studiert, dann die Nordlichter bei Jorma Panula. Heute geht man an die Hochschule.
Ja, es hat sich auch von diesen Pult-Übervätern wegbewegt. Man sucht nicht mehr den Maestro. Ich zumindest nicht, aber da muss auch jeder sein eigenes Rezept finden. Mir hat es sehr geholfen, dass ich schon im Studium viel vors Orchester gekommen bin und nicht nur andächtig daneben saß.
Viele Dirigenten kommen vom Klavier her, arbeiten anfangs oft als Korrepetitoren. Tut man sich da leichter?
Jein. Manchmal meine ich, ich hätte besser früher mit dem Klavierspielen angefangen. Aber als Kind plant man das ja nicht, ich habe gespielt, was mir damals einfach gut gefallen hat. Das war von klein auf die Geige, dann irgendwann die Querflöte, das habe ich auch studiert.
Streicher und Bläser sind im Orchester am meisten vertreten, und Sie sind damit ja nicht allein. Andris Nelsons ist Trompeter, Franz Welser-Möst Geiger, Paavo Järvi Schlagzeuger.
Das ist auch sicher kein Nachteil, und das Klavier ist mir keineswegs fremd. Das stand zu Hause, ich konnte mich ausprobieren, habe viel improvisiert, Pop, Jazz, alles Mögliche. Natürlich ohne ausgeklügelte Technik, aber das war beim Dirigierstudium in Weimar nicht entscheidend. Trotzdem bekommt man dort auch eine fundierte Ausbildung am Klavier. Ich bin also durch verschiedene Türen zum Dirigieren gekommen.
Woher kommt Ihre Affinität zur Musik?
Meine Schwester hat verschiedene Instrumente gelernt, meine Mutter auch, aber es gab bisher keine Profimusiker in der Familie. An der Hochschule begegnen einem ständig Leute aus Musikerfamilien, wo der Weg quasi vorgegeben ist. Die haben vieles schon zu Hause mitbekommen. Bei mir gab es dagegen keinerlei Druck, das hat auch viel für sich, weil man mit einer gewissen Freiheit ans Werk geht. Meine Mutter ist aber seit einigen Jahren Schulleiterin, mit ihr kann ich mich ganz gut über Führungsfragen austauschen. Das hilft manchmal sehr.
Mit Beginn der nächsten Spielzeit treten Sie als Kapellmeisterin am Staatstheater in Mainz an. Was erwartet Sie da?
Ich denke, das wird aufregend und vielseitig. Mainz ist meine erste feste Stelle, es gibt mehrere Kapellmeister, doch die Hierarchie wechselt. Einer ist immer führend für eine Produktion verantwortlich, die anderen assistieren. Ich lerne also gleich die verschiedenen Positionen kennen. Man hat mit dem Musiktheater und genauso mit der Sinfonik zu tun, das ist ideal.
Sie kennen den Chefdirigenten Gabriel Venzago wahrscheinlich schon von der Bodensee Philharmonie?
In Konstanz hatte ich zwar schon einen Meisterkurs, aber nicht bei ihm. Gabriel hat zwischendurch zugeschaut, das fand ich sehr sympathisch. Nein, wir sind uns immer mal begegnet, auch in Jurys, hatten aber nie musikalisch zusammengearbeitet. Dafür sind die Vorbesprechungen so gut verlaufen, dass ich mich auf Mainz wirklich freue!
Welche Zeit, welche Komponisten liegen Ihnen besonders?
Ich mag mich da gar nicht festlegen, aber ich bin ein großer Brahms-Fan. Zu sehen, wie sich das eigene Verhältnis zu einer Komposition über die Jahre entwickelt, wie das Verständnis immer größer wird, ist schon interessant und sagt mir, dass es einfach auch Zeit braucht. Für jede Musik.
Gehen Sie eher mit einer Partitur oder mit einem Buch ins Bett?
Die Nase stecke ich schon viel in Noten, doch irgendwoher muss die Inspiration kommen. Ich versuche immer, einen Ausgleich zu schaffen und mein Gehirn mit allem Möglichen zu füttern. Ich besuche Museen, lese viel, Sport interessiert mich, da bin ich auch selbst gerne aktiv, und ich gehe oft und ausgedehnt spazieren. Weimar ist da ein gutes Pflaster.
Jetzt sind Sie die einzige Deutsche, die in Paris am Wettbewerb »La Maestra« teilnimmt. Was ist gefragt?
Verschiedene Stile, dann reine Orchesterstücke, die Begleitung von Sängerinnen und Sängern, von Soloinstrumenten. Man soll sich mit allen Facetten vorstellen, also auch eine hohe Flexibilität an den Tag legen.
Nun ist das Dirigieren zwar eine körperlich anstrengende Sache, aber keine sportliche Disziplin. Macht ein reiner Frauen-Wettbewerb heutzutage noch Sinn?
Schwierig! Ich möchte in meinem Beruf in erster Linie mit meinem Können wahrgenommen werden und nicht, weil ich eine Frau bin – was momentan immer noch für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgt. Das sollte keine Rolle spielen, und doch beobachte ich, dass wir noch nicht so weit sind. Es fehlt immer noch an der Sichtbarkeit von Dirigentinnen. Allerdings soll nicht die Quote, sondern die Qualität entscheiden.
Gibt es Unterstützung aus der Heimat?
Mein Mann und meine Eltern kommen zum Finale nach Paris.
Ist Ihr Mann auch Musiker?
Er ist Musikwissenschaftler und arbeitet als Dramaturg, wir ergänzen uns also ganz gut.
Welche Büste steht da hinter Ihnen im Regal?
Johannes Brahms. Wir haben viele dieser kleinen Komponisten-Büsten, das waren quasi die Platzkarten auf unserer Hochzeit – und jetzt sind sie überall verteilt und bewachen unsere Partituren.
Wovon träumen Sie?
Nicht nur von den großen Starorchestern. Das ist zwar alles toll, aber richtig cool wäre es, etwas aufzubauen, bei einem Orchester zu landen, das sich entwickeln kann. Wobei es am wichtigsten ist, wenn die Chemie stimmt, wenn man zu einem richtig guten musikalischen Miteinander findet.
(Schwäbische Zeitung, Christa Sigg, veröffentlicht 17.02.2026)

